Grefrath. In diesen Tage besteht die Firma Kellermann OHG – Kinderwagen,
Fahrräder, Nähmaschinen, 100 Jahre. Es ist dem
„forschen Franz“, dem Großvater des jetzigen Firmenchefs Franz-Willi Kellermann (53) zu verdanken, dass das Unternehmen eine so lange Firmengeschichte haben konnte, denn er legte - gerade mal 22 Jahre alt
geworden, bereits im März 1902 den Grundstock dafür mit einem Geschäft in Oedt an der Alleestraße. Seinerzeit bot er die Reparatur von Nähmaschinen und Fahrrädern an. Was es mit dem „forschen Franz“
auf sich hat, geht schon aus alten Aufzeichnungen hervor, aus denen deutlich wird, wie wagemutig der Gründer des Unternehmens war: Bereits im Jahre 1904 brauste Franz
Kellermann mit einem Motorrad durch Oedt und Umgebung, das er sich aus Belgien hatte kommen lassen. Schon ein Jahr später genügte ihm das nicht mehr und er meldete sein erstes Auto der
Marke „Piccolo“ aus Apolda, an. Und wie das damals mit der Zulassung ging: Nach der Anmeldung beim Bürgermeisteramt – Fahrschule gab es noch nicht – stellte sich der Bürgermeister auf die
Eingangsstufen des Rathauses (so dass er jederzeit Deckung nehmen konnte!) und Franz Kellermann klemmte sich hinter das Steuerrad seines Piccolo, gab Gas und kurvte ein paar Mal um
den Marktplatz, um seine Fahrkunst zu beweisen. Dann erhielt er, so beschrieb es die Presse 1951, eine amtliche Bescheinigung, die ihn berechtigte, ein Automobil zu führen.
Aber schon bald reichten Motorrad und Auto auch nicht mehr aus: Inzwischen hatte es die Flugversuche von M. Wright im Jahre 1903 gegeben. Fünf Jahre später bastelte Franz Kellermann
in einem Schuppen auf dem Süchtelner Rennplatz zwei Flugzeuge, deren Startversuche aber misslangen, weil die Motoren zu schwach waren.
Als ein wohlhabender und flugsportbegeisterter Gladbacher Industrieller eine direkt aus Amerika importierte „Wilbour Wright“ auf die Höhen schaffen
ließ, gewann er Kellermann sozusagen als „Bordmonteur“. Einmal gelang es diesem sogar, selbst mit der Maschine abzuheben und sich die Welt von Oedt von oben anzusehen.
„Im Banne der rollenden Räder“, so blumig beschrieb es die Zeitung 1951, standen die Kellermänner allesamt, denn auf Franz folgte dessen Sohn Willi (heute 88 Jahre alt), der Zeit
seines Lebens leidenschaftlich gerne Hochrad fuhr und der es sehr bedauerte, dass eine im vergangenen Jahr gebrochene Hüfte, ihn nicht auf das Hochrad steigen ließ, als jetzt die
Fahrradausstellung in der Dorenburg geöffnet wurde.
Im Laufe der Jahre entwickelte sich das von Franz Kellermann gegründete Unternehmen. Franz
hatte damals die richtige Idee, Nähmaschinen , denn in Oedt gab es zahlreiche Frauen, die damals in Heimarbeit für Girmes nähten, und Fahrräder zu reparieren.
Als das Geschäft blühte, begann Franz Kellermann auch Fahrräder zu verkaufen und begann, wie das damals üblich war, Radteile von Grossisten zu beziehen, selbst zusammenzubauen und damit
eigene Räder aus Oedt zu verkaufen. Seine Räder trugen den Namen „ U D A „, der im übrigen noch heute noch die Hausmarke verkörpert.. So stark und stabil wie die Burg in Uda, sollten die
Räder von Kellermann sein, hieß es damals in der Werbung. Franz Kellermann war nicht nur ein überaus fähiger Techniker, er war auch ein guter Marketing-Manager, wie man das heute nennen
würde. Er inserierte schon früh mit seinen Produkten in den Tageszeitungen und war mit seiner Werbung auch in den Lichtspielhäusern der Umgebung vertreten.
Als er seine Produktpalette auch noch auf Kinderwagen erweiterte, bot er den werdenden Müttern einen weiteren besonderen Service an: Er holte sie mit seinem Automobil von zu Hause ab, zeigte
ihnen in Oedt das Sortiment an Kinderwagen und fuhr sie dann wieder nach Hause.
Durch die Textilindustrie gab es seinerzeit zahlungskräftige Kundschaft in Oedt und Umgebung.
Dies änderte sich schlagartig mit dem Ersten Weltkrieg und in den nachfolgenden Jahren der Weltwirtschaftskrise waren die Geschäfte, wie die damalige gesamte Wirtschaftslage, sehr schwierig.
Der Zweite Weltkrieg war ebenso
katastrophal für das Fahrradgeschäft. Es gab keinerlei Ersatzteile und ein hohes Maß an
technischen Fähigkeiten, Erfindungsgeist und Improvisationstalent waren gefragt, um Räder zu reparieren.
Jürgen Karsten